Das Kreuz mit dem Artikel

Überraschende Erkenntnisse beim Versuch, Geflüchteten beim Lernen der deutschen Sprache zu helfen.

Deutsch sollen die Geflüchteten lernen, möglichst schnell, denn die Sprache ist der Schlüssel für das Leben in Deutschland. Haus, Straße, Fahrrad, Ampel, Laden, Gehweg, Vater Mutter, Sohn, Tochter, Brot, Butter, Salz, Messer, Gabel, Löffel – Lernen mit Bildern.

Eifrig werden die neuen Wörter gelernt, es macht Spaß. Es wird viel gelacht, wenn so komische Laute wie das Ü oder das Ö geübt werden oder die Zunge beim Versuch verkrampft, so komplizierte Wörter wie Strumpf oder Straße zu sprechen. Da kommt schon mal Se-te-rump-ef und Se-te-rasse heraus. Nein, es ist nicht die Seeterasse gemeint, sondern die Straße. Es ist wie Muskelkater, nur eben im Mund.

Doch dann wird es kompliziert. Denn alle Hauptwörter im Deutschen haben einen Artikel, den sie wie einen chinesischen Zopf mit sich herumtragen müssen. Andere Sprachen haben auch einen Artikel wie das Englische. Da gibt es genau einen Artikel. Einen bestimmten Artikel: „the“ und einen unbestimmten Artikel „a“.

Aber das Deutsche! Der Mann, die Frau, das Kind – da ist der Artikel ja noch irgendwie logisch, da hilft die Biologie. aber dann geht es los: Der Löffel, die Gabel, das Messer. Es ist fürchterlich und das Schlimmste ist: Es gibt keine Regel, es muss es auswendig gelernt werden bis ans Lebensende. Es ist ein verzweifelter Kampf, den die Geflüchteten mit dem Artikel im Deutschen führen, genau wissend, dass diesen kaum jemals gewinnen können, egal, wie sehr sie sich anstrengen.

Denn jedes Hauptwort im Deutschen hat ein Geschlecht und das rächt sich ganz bitter, wenn es um Menschen geht. Ein Mensch ist nicht einfach Arzt, sondern entweder Arzt oder Ärztin, Bäcker oder Bäckerin, Regierungsrat oder Regierungsrätin. Und ganz blöde und auf keinen Fall gleichberechtigt ist es, dass die Berufsbezeichnung alle männlich sind und die weibliche Form fast immer nur als Anhängsel dieser Form gebildet wird, so als ob die Frau nur als Anhängsel eines Mannes diesen Beruf ausüben darf. Und auch solche Wörter wie Gast sind männlich. Niemand kann einfach sagen: „Gast betritt Wohnung“, sondern es heißt: „DER Gast betritt DIE Wohnung“. Und was soll ich sagen, wenn eine Frau die Wohnung betritt? „DIE Gast betritt die Wohnung“ oder heißt es „Die Gästin betritt die Wohnung“? Es gibt nur ganz wenige Wörter, die da wenig Kummer bereiten, wie z.B. das Wort „das Mitglied“. Wie einfach ist es doch, hier zu sagen: „Das Mitglied betritt die Bühne. Sie wird uns einen Tanz aus ihrer Heimat vorführen“ oder: „Begrüßen wir uns neues Mitglied! Er wird uns japanische Kampfkünste vorführen“. Da gibt es immer noch einen Artikel, aber wenigstens zur Unterscheidung eines bestimmten von einem unbestimmten Artikel und nicht mehr in einer geschlechtsspezifischen Form. Es sollte mehr solche freundlichen Hauptwörter geben!

Ja, viele Geflüchtete kommen aus Ländern, in der die Gleichberechtigung von Mann und Frau viel zu wünschen übrig lässt. Aber wenn wir ehrlich sind, hat die deutsche Sprache auf dem Weg zur Gleichberechtigung noch einen sehr langen Weg vor sich. Und da haben die Sprachen der Geflüchteten dem Deutschen oft viel voraus.

Verfasser: Eike Andreas Seidel

Info zum Foto: unsplash, Amador Loureiro

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