„Das wäre machbar. Es ist nicht unbedingt preisgünstig, aber machbar“, überlegte Johannes Neubert, „24 Reichspfennig für einen Quadratmeter. “1) Er überschlug, machte Kassensturz und kam zu einem Entschluss, der sich in den folgenden Jahren zu einer sehr weisen Entscheidung entpuppen sollte: „Ich nehme zwei dieser Parzellen.“ Und so erwarb er 1925 knapp fünftausend Quadratmeter Wald am Grenzweg, auf einem Hügel, dem Sonnenberg. Die gewissenhafte Führung des Milchgeschäftes seiner Frau Martha Maria in Hamburg-Eimsbüttel ließ es zu. Und Martha Maria war mit der Investition durchaus einverstanden. Verlockend war die Aussicht auf eine eigene Versorgungsfläche und auf frische Luft an den Wochenenden für Irma, ihre sechsjährige Tochter. Auch wenn es für sie alle zusätzliche Arbeit bedeuten würde, besonders, um die Fläche erst einmal nutzbar zu machen. Kurz darauf baute Johannes einen Holzschuppen auf die Kuppe des Hügels, der es ihnen ermöglichte, über Nacht zu bleiben. Ringsherum rodete er Wochenende für Wochenende den Wald, einen Baum nach dem anderen, mit einer Axt und einer Zweimann-Handsäge, für die er meistens seinen Bruder gewinnen konnte. Anschließend mussten die Wurzeln ausgegraben werden, eine Knochenarbeit und zu guter Letzt musste dem Humus Sand zugesetzt werden, damit Anbauflächen für Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, Spinat, Mangold und Möhren entstehen konnten. Er pflanzte zehn Obstbäume, die sie eines Tages mit Äpfeln, Birnen und Pflaumen versorgen würden. Die Arbeit nahm kein Ende, aber es war sinnvolle, selbstbestimmte und dankbare Arbeit: der eigene Grund und Boden wurde fruchtbar gemacht. Die Schräge des Grundstücks stellte eine Herausforderung in dem Vorhaben dar, einen Weg auf den Sonnenberg anzulegen. Jeden Sommer nahmen Johannes und Martha Maria die Fortschritte wahr, die sie ihrer Hände Arbeit zu verdanken hatten. Die Fahrten mit der Reichsbahn zurück zum Hamburger Hauptbahnhof traten sie Sonntagsabends stets schwerbepackt an. Brennholz, Obst und Gemüse und die getankten Sonnenstrahlen statteten sie für die kommenden Werktage in Eimsbüttel aus. Voller Tatendrang nahm Johannes sein nächstes Vorhaben in Angriff: ein kleines gemauertes Haus, damit die Wochenenden ein wenig komfortabler werden konnten. Dafür kamen die Freunde aus dem Alpenverein, die er während seiner Stationierung in Bayern im ersten Weltkrieg kennengelernt hatte, gern nach Buchholz und genossen die abwechslungsreiche Zeit von Arbeit und Geselligkeit. Im Dorf wurde Zement gekauft und mit dem nötigen Sand aus einer ausgehobenen Grube in die eigens von Johannes gefertigten Formen gegossen. Eine Woche musste zum vollständigen Austrocknen eingeplant werden. In den heißen Sommermonaten trockneten sie hingegen oftmals zu schnell, wurden zu porös und damit unbrauchbar. Im Jahr 1930 konnte schließlich die Grundsteinlegung für das Vorderhaus aus weißen Mauersteinen erfolgen: eine Stube, eine Küche und ein Schlafzimmer. Auf der Veranda fanden sich an den Wochenenden Freunde und Familie ein oder die an ihrer Decke gespannten Wäscheleinen wurden behängt. Aus der Vielzahl übriggebliebener Steine errichtete Johannes einen kleinen zusätzlichen Schuppen, an den er ein von außen begehbares Plumpsklo anschloss.
Und dann brach der Krieg aus. Das Leben in Hamburg wurde beschwerlicher. Die Milch-Versorgung durch ihren Laden konnte zunehmend schlechter sichergestellt werden: die Milchbauern und erwachsenen Söhne der Milchbauern wurden eingezogen, irgendwann sogar die Söhne im schulpflichtigen Alter. Der Ausblick auf ein Wochenende in Buchholz, auf ein Gefühl von „Pause vom Krieg“, wurde immer von den Fliegerangriffen überschattet: würden sie noch rechtzeitig aus der Stadt hinaus und sicher bis Buchholz kommen? Die Erträge der kostbaren Lebensmittelquelle in der Nordheide teilten sie gern mit ihren Nachbarn, Freunden und Bekannten in der Stadt. Aber es kam alles noch schlimmer.
Ihre Tochter Irma klingelte an ihrer Wohnungstür in der Sillemstraße. Seit einem guten Jahr lebte sie mit ihrem Mann Fritz in der Nachbarschaft, hatte aber in der vergangenen Nacht ihre Eltern nicht im Luftschutzbunker angetroffen. Irmas Anspannung, ob die Eltern den Flugangriff unversehrt überstanden hatten, gepaart mit der Entdeckung, dass ihr Wohnhaus nicht mehr stand, entlud sich nun in einem nervlichen Zusammenbruch. Fritz stand schweigend mit einem Koffer in der Hand neben ihr, auf dem Arm ihre kleine Tochter.
„Buchholz. Ihr müsst nach Buchholz. Dort habt ihr Unterschlupf.“ Keiner wusste, wie intakt die Bahnstrecke nach den vergangenen Feuergefechten noch wäre, und trotzdem nährte dieser Plan in dem Moment Hoffnung und konnte – Gott-sei-Dank – umgesetzt werden. Die junge Familie richtete sich in dem weißen Haus ein, fern von den Gefechten und verschont von Nächten in Luftschutzbunkern, allerdings ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Im Oktober deckten sie die Zisterne mit Reisig und Zweigen ab. Das „gute Wasser“ wurde in Eimern von der öffentlichen Pumpe im Tannenweg geholt, als Trinkwasser und zum Kochen. Im Schein der Petroleumlampen wurden abends Ziegelsteine für das Bett auf einem kleinen Ofen zwischen Küche und Stube erwärmt – rechtzeitig vor dem Schlafengehen, denn der Winter wurde erbarmungslos kalt. Meistens war Irma mit ihrer Tochter allein, und auch allein ihrer Angst ausgesetzt, wenn sie darüber nachdachte, was die Leute im Dorf über Soldaten berichteten, die durch die Nordheide zogen. Ihr Mann Fritz war als Funker in Griechenland stationiert. Seine Heimfahrten waren damit überschaubar aber durchaus fruchtbar: Irma bekam bald ihr zweites Kind.
Die Zeit zog ins Land. In Hamburg wütete im Juli 1943 ein verheerender Feuersturm nach den Flächenbombardements der Operation Gomorrha. Einen weiteren Winter erlebte Irma mit ihren Töchtern in dem weißen Häuschen, oftmals frierend. Sie war froh über jeden Besuch ihrer Eltern. Aber schon im nächsten Sommer erlag ihr Vater Johannes den Folgen einer Lungenentzündung, im Alter von sechzig Jahren. Von nun an kam ihre Mutter allein und häufiger. Obwohl ihr Mann Fritz mittlerweile heimgekehrt war, war ihre Mutter Martha Maria eine wertvolle Unterstützung. Fritz machte sich schon früh morgens für den Arbeitstag nach Hamburg auf, wo er in der Feuerkasse arbeitete. Bereits im nächsten Frühjahr brachte Irma ihren ersehnten Stammhalter Wilfried auf die Welt. Die Mädchen schliefen ab dann im kleinen Haus, im ehemaligen Schuppen. Im weißen „Vorderhaus“ wurde für Willfried ein Schlafplatz am Bett der Eltern hergerichtet.
Der Krieg hinterließ seine Spuren, vieles war knapp oder nicht erhältlich. Die Kartoffeln vom Hof Holste in Trelde und Kohlen füllten den nachträglich angebauten Versorgungskeller –und es reichte oftmals trotzdem nicht. Am Buchholzer Bahnhof, einem entscheidenden Knotenpunkt im Streckennetz, standen über Nacht Güterwaggons. Sie waren nicht die einzigen, die unbemerkt dorthin schlichen und Fett oder Kohlen aus den Zügen nahmen und erst einmal für die nächsten Tage im Garten vergruben, bis die Polizei aufhörte, nach Diebesgut zu suchen.
Trotz aller Entbehrungen nahm das Leben wieder seinen Lauf. Die Kinder wurden in der Volksschule im Dorf eingeschult, verbrachten ihre Nachmittage draußen im Wald und in der Heide, in Erdhöhlen und auf Baumhäusern. In einem der Krämerläden wurde eingekauft und Neuigkeiten ausgetauscht. Zwei Läden standen hierfür zur Auswahl: auf der Ecke Parkstraße/Steinbecker Mühlenweg oder der in der Bremer Straße, eine der ersten mit Kopfstein ausgebauter Straße mit Sandspur an den Seiten. Der Milchmann benutzte diese Sandspur, wenn er mit seinem Pferdefuhrwerk die Milch brachte, und ließ auf seinem Bock hin und wieder die Kinder mitfahren. Für besondere Anlässe gab es die Schlachterei im Haidbarg oder eine Rossschlachterei in der Bremer Straße. Als im Mai die Tage endlich sommerlich wurden, öffnete die Badeanstalt Wolgast ihr raues Betonbecken, in dem der gestaute Steinbach zum Schwimmen einlud.
Im Oktober 1956, nach vierzehn Jahren Unterschlupf in Buchholz, zog die Familie schließlich zurück nach Hamburg. Mit Hilfe eines Lastenausgleichs wurde ihnen durch den Bauverein Elbgemeinde in Osdorf ein Haus zugeteilt. Die sommerlichen Wochenenden aber verbringt Willfried gern mit seiner Frau in dem weißen, gemauerten Haus oder in dem ursprünglich als Schuppen konzipierten Steinhaus und erinnert sich an seine Kindheit auf dem Sonnenberg zurück. Manchmal kommt auch ihr Sohn mit Enkeltochter Linell zu Besuch.
Und ich gucke aus meinem Fenster auf dieses alte, weiße Haus, und meine Fantasie will nicht ausreichen, wenn ich mir vorzustellen versuche, was sich innerhalb und außerhalb dieser selbstgegossenen Mauersteine alles zugetragen hat, wie sehr sich das Leben in fast einhundert Jahren verändert hat. Und auch heute noch fliehen Menschen nach Buchholz, manche einfach aus der Enge der Stadt heraus, andere vor einem Krieg, der auch ihre Heimat zerstört hat…

Verfasserin: Antje Frings

Info zum Foto: Antje Frings, “Das weiße Wochenendhaus auf dem Sonnenberg”

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