Ich bin spät dran. Wie so oft. Nur noch den Berg mit seiner endlos mäßigen Steigung hochstrampeln, die mich jeden Morgen daran erinnert, dass ich mein Auto verkauft habe, und ich erreiche den Bahnhof.
Der Bahnsteig ist voll. Mittlerweile kann ich die Anzeigetafel nur noch vom Bahnsteig entziffern – jedenfalls die kleiner geschriebene Information zur „aktuellen Verkehrslage“. Aber ich kann aus der Ferne erkennen, ob etwas geschrieben steht. Sowie jetzt. Und damit erklärt sich die Menschentraube. Seit einer halben Stunde wird auf einen Nahverkehrszug nach Hamburg gewartet. Normalerweise wären es bereits drei gewesen. Zumindest in dieser Stoßzeit und später zum Feierabend noch einmal. Das ist der Preis für das Wohnen außerhalb, für das Leben in etwas mehr Natur.
Als sich endlich ein Zug angekündigt, wird es erwartungsgemäß unruhig. Bei einigen stand schon am Bahnsteig die Ungeduld, der Ärger, vielleicht sogar Wut oder Verzweiflung über die Verspätung im Gesicht geschrieben. Entsprechend rücksichtslos wird jetzt gedrängelt. Noch einer schiebt sich durch die Tür und ruft in den Wagen hinein, „gehen Sie doch weiter hinein – dann können andere auch noch mitfahren!“. Die Siegessicheren mit Sitzplätzen beobachten überlegen die sich abspielenden Szenen in der Welt der Berufspendler.
Neben dem Einzelplatz zu Beginn des Wagons habe ich einen strategisch günstigen Stehplatz ergattert. Neben mir sitzt eine ältere Dame. Auf dem Tischchen vor ihr eine Thermoskanne. Heißer Kaffee dampft aus ihrem Becher. Sie hat ihren Ausflug in die Stadt nicht dem Zufall überlassen wollen. Ob sie weiß, dass es ab neun Uhr, nach Beginn der Kernzeit, Züge ohne Pendler gibt? Sie schaut kurz zu mir hoch und fragt freundlich, „ist es immer so voll?“
„Es sind heute mehrere Züge ausgefallen“ antworte ich ihr.
Sie nickt und sagt, „im Stau stehen ist auch keine Lösung.“
„Das stimmt“, gebe ich ihr Recht.
Ungewöhnlicher Small-Talk. Die angespannte Stimmung in überfüllten Zügen scheint oftmals nur bösartige Dialoge zuzulassen, wie, „Sie sehen doch, dass es hier nicht weitergeht“ oder verbindende aber aggressive Worte über den gemeinsamen Feind, die private Eisenbahngesellschaft auf den Gleisen der Bundesbahn, „gestern war auch schon ein Zugausfall“. Ich lächle die Dame abschließend an und fingere mein Handy aus der Manteltasche. Bitte keine weitere Konversation, denke ich. Ich hatte mich auf mein Buch gefreut, aber stehend im Gedränge zu lesen, verspricht kein Lesevergnügen zu werden. Ich schaue stattdessen Whats-App-Statusmeldungen an. Dann wechsele ich zu den Emails…ein paar Werbe-Emails…auch nichts Bahnfahrtfüllendes…
Ein Mann kämpft sich durch das Gedränge. Er ist älter als der Durchschnitt der Berufspendler. Aber nicht alt oder gebrechlich genug, dass ihm jemand seinen Sitzplatz anbieten würde. Vermutlich ein ohnehin eher unwahrscheinliches Verhalten. Und doch, in dem Moment, als er mit etwas gequältem Ausdruck sein Bein nachzieht, zeigt die ältere Dame stumm-fragend auf ihren Platz. „Nein, nein, vielen Dank. Bitte bleiben Sie sitzen. Ich kann gut stehen!“ erhellt sich seine Miene. Er steht mir jetzt gegenüber. Vis-à-vis. Das behagt mir nicht. Ich möchte meine Ruhe. Ich möchte mich nicht beobachtet fühlen. Ich wechsele auf meine gespeicherten Fotos und bin abgelenkt. Ich tauche in den letzten Urlaub ein. Sonnenstrahlen. Entschleunigung. Ich atme tief und genieße das wohlige Gefühl aus der Erinnerung. Ein paar Bilder weiter komme ich zu abfotografierten Buchseiten. Dog …you’re so noble, until the bitter end. Your medicine is the teaching, of true and loyal friends…Langsam dämmert es mir. Es war zum Jahresende. In der Zeit der Rauhnächte. Wie auch in den vergangenen Jahren hatte ich einen Yoga-Workshop besucht. Was bleibt im alten Jahr? Was nehme ich mit ins Neue? So wie man eben an den ‚Tagen zwischen den Tagen‘ Klar-Schiff macht. Vielleicht knüpfe ich mit dieser Art des Jahresausklangs bereits an gute Vorsätze an, geordnet und sortiert meinem Leben Struktur und Disziplin zu verpassen. Oder sollte ich statt der getriebenen Geschäftigkeit und Verbissenheit lieber zart und liebevoll mit mir umgehen? Raum für die vielen Zufälle lassen, die zeigen, dass das Leben gut für einen sorgt? Zuversicht und Vertrauen in mein Schicksal, in Fügungen und den göttlichen Plan erlernen? Dass ich mich morgens gar nicht abhetzen muss, weil der Zug ohnehin Verspätung hat? Oder habe ich es auf den Muskelkater als Reminder an die guten Vorsätze zur körperlichen Fitness abgesehen?
Wir hatten Orakelkarten gezogen. Ich erinnere mich. Jeder für sich. Und mit der Ernsthaftigkeit oder Leichtigkeit, die man solchen Prophezeiungen beimisst. Das „Krafttier Hund“ sollte mir schützend zur Seite stehen. Ich hatte der Karte keine weitere Beachtung geschenkt. Mit Hunden habe ich nichts zu schaffen. Und daran wird sich auch nichts ändern. Trotzdem hatte ich mir die Interpretationsseiten abfotografiert. Wenn ich am Silvestertag Zeit finde, würde ich sie lesen, hatte ich mir vorgenommen. Und bei einem Vorhaben blieb es. Bis jetzt.
Ich werde gleich wieder in meinen Gedanken über den treuen und ergebenen Menschenfreund unterbrochen. Der nächste Halt steht bevor und das Geschiebe und Gedränge setzt wieder ein. Den älteren Mann zieht es in den Gang. Das ist mit Abstand der schlechteste Stehplatz. Der Zug hält an und ich sehe, dass ein junger Jemand aufsteht und sein Platz frei wird. Junge Beine, die mit Sicherheit gut hätten stehen können, schießt es mir in den Sinn. Bin ich altmodisch? Oder ist das übertriebene Höflichkeit im gehetzten Alltag?
Mit lang gestrecktem Arm komme ich an zwei Schultern vorbei und tippte dem Herrn auf die Schulter, „hier wird ein Platz für Sie frei.“ Mit Mühe erreicht er den Sitzplatz und ich verziehe mich in meine Stehnische zurück, um die Sachen mit den Orakelkarten noch einmal in Angriff zu nehmen. Relativ gleichgültig überfliege ich die Erläuterungen zur Hunde-Karte. Inwieweit sollte mich der Hund mit seinen Eigenschaften bei meinen Vorhaben, meinen Aufgaben und Zielen unterstützen?, frage ich mich, was soll er mich lehren? Nein, der Hund erreicht mich nicht und ich scrollte in meinen Fotoalben weiter. Lange wird diese Fahrt ohnehin nicht mehr dauern. Als der Hauptbahnhof in Reichweite kommt, stecke ich mein Handy in die Manteltasche zurück. Gleich ist es geschafft. Ich freue mich auf die Viertelstunde Fußmarsch in frischer Morgenluft ins Büro. Als der Zug sein Tempo verlangsamt und sich die Meute zu bewegen beginnt, reihe ich mich in den Strom. Von Hinten höre ich jemanden rufen: „Entschuldigen Sie, bitte warten Sie kurz!“ Beim flüchtigen Umdrehen, sehe ich, wie sich der ältere Herr zu mir durcharbeitet. „Ich möchte Ihnen etwas geben“, sagt er und drängt sich weiter zu mir vor. Er zieht etwas aus seiner Jackentasche und sagt: „Ich möchte Ihnen einen Glücksbringer schenken.“ Eine Mischung aus, „mir bleibt heute Morgen auch nichts erspart“ und „kann man höflich aber bestimmt Glücksbringer ablehnen?“ geht mir durch den Kopf. Bevor ich irgendetwas erwidere, fährt er fort, „bitte tun Sie mir den Gefallen und nehmen Sie es an. Auch wenn Sie sich vielleicht nichts aus Hunden machen“ und überreicht mir eine kleine Hundefigur.
Als ich den Bahnsteig verlasse, kommt plötzlich und mit Wucht ein Gefühl hoch, das mich zittern lässt, mein Herz öffnete und mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Es zu benennen, grenzt es zu stark ein, deshalb belasse ich es bei ‚einem Gefühl‘. Seit diesem Tag ist ein kleiner kitschiger Plastikhund mein ständiger Begleiter in meiner Manteltasche und erinnert mich an die Sache mit den Zufällen…

Verfasserin: Antje Frings

Info zum Foto: Antje Frings, Hundeanhänger

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